Als ich die erste Zusammenfassung zu diesem Film anscheinend zu schnell überflogen hatte, dachte ich “Oje, ein Film über einen Online-Spiel-Süchtigen, ob das was ist?” Ja, das ist was, und es geht gar nicht darum.
Da wird etwas gezeigt und ins Bewusstsein gerückt, das uns Normalsterblichen so furchtbar fremd ist: Wie es ist, ein Autist zu sein, sich allmorgendlich vor den Spiegel zu stellen und sich als “Null” zu definieren, um so möglichst unauffällig durch den grausamen Alltag zu kommen, der geprägt ist durch sadistische Übergriffe der Mitschüler. Nicht Ben hat ein Problem mit der Welt, sondern die Welt mit ihm.
Interessant hierbei ist jedoch die Perspektive, aus der erzählt wird – nicht von aussen, distanziert und fremd, sondern aus Ben heraus, auch distanziert, aber anders, verständlicher, greifbarer. Man hat manchmal das Gefühl zu verstehen, wie sein Kopf tickt – aber das ist natürlich nur eine Illusion.
Ben zieht sich gern in die Online-Welt des Spiels “Archlord” zurück, dort fällt sein Anderssein nicht auf. Und dort lernt er ein Mädchen kennen, das ihm später auch in der realen Welt zu einer wichtigen Stütze wird – wenn leider (?) auch nicht als reale Person, denn als es zu einem Treffen kommen soll, ist Ben nicht fähig, sich ihr zu erkennen zu geben. Dennoch begleitet sie ihn fortan durch sein Leben und lenkt es in die richtigen Bahnen.
Im Laufe des Films gibt es immer wieder eingeworfene Szenen, Interviews mit Menschen aus Bens alltäglichem Leben, die darauf hinweisen, dass etwas passiert sein muss, etwas schlimmes. So ist es denn auch, aber es endet überraschenderweise anders als erwartet – nicht im Tragischen, sondern im Hoffnunggebenden.
filmstarts.de sagt folgendes:
Denn Balthazar übertreibt es mit der Bilderflut, die da über einen hereinbricht maßlos. Ständig werden Filmsequenzen in Bens realer Welt gebrochen, und durch nervige Zoomeffekte und ähnlichem Firlefanz zur hippen Videoclipästhetik verfranzt.
Ich glaube, da wurde etwas nicht verstanden. Das Heranzoomen an Körperteile, Gesichtspartien, die Konzentration der Kamera auf Detailaufnahmen – all das soll dem Zuschauer vermitteln, wie Ben seine Umwelt wahrnimmt. Er sieht sein Gegenüber nicht als Ganzes, als komplettes Individuum, alles zerfällt in Einzelheiten und wird so nicht richtig greifbar. Mit “hipper Videoclipästhetik” hat das nichts zu tun.
Ausserdem sagt der Kritiker:
Zu diesem Eindruck tragen außerdem seine Klassenkameraden bei, allen voran die beiden Hauptschläger. Ihr Handeln ist nur noch als extrem (und auch etwas übertrieben) boshaft zu bezeichnen, und zeigt abermals Balthazars Hang, einen Schritt zu weit zu gehen, denn was Bens Mitschüler sich so alles leisten, ist schon ganz harter Tobak.
Eine Google-Suche mit den Begriffen “Autismus” und “Liebe” fördert unter anderem einen Stern-Artikel zutage, in welchem folgendes zu lesen ist:
Auf dem Gymnasium war Nicole gleich Klassenbeste, übersprang später ein Schuljahr, aber gegen ihre Mitschüler konnte sie sich nicht wehren. Die warfen ihr im Sportunterricht Bälle an den Kopf, bespuckten sie und pinkelten einmal sogar in ihren Fahrradhelm.
Das, was Balthazar in seinem Film präsentiert, spiegelt die Wirklichkeit anscheinend deutlich wider und ist keineswegs übertrieben.
“Ben X” glänzt durch die Bildersprache, die gewählte Perspektive, das überraschende Ende und durch die Schauspieler, allen voran Greg Timmermans, der den “Ben” verkörpert – einziger Kritikpunkt: Timmermans wirkt teilweise doch schon zu alt und reif, als dass man ihm den 17jährigen Schüler abnehmen würde. Aber das trübt den positiven Gesamteindruck nicht wirklich.
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