Alle Flüsse fließen zum Meer, so hat man es gelernt. Manche versiegen auch unterwegs, oder lassen sich in einem Binnensee nieder. Aber einen Fluss, der sich Richtung Bergquell aufmacht, so einen habe ich noch nicht gesehen.
Und trotzdem kommt es vor, dass sich Wassermassen plötzlich dazu entschließen, gegen den Strom zu schwimmen. Natürlich nicht aus einer Laune heraus. Beobachten lässt sich dieses Phänomen an so gut wie jeder Meeresmündung, meist fällt die Bewegung aber so schwach aus, dass sie kaum wahrgenommen wird.
Es gibt allerdings Ausnahmen – trichterförmige Küstenmündungen, an denen es einen deutlichen Tidenhub gibt. Dann presst sich das flutende Meerwasser mit aller Kraft in die Süßwassermündung und lässt so eine Welle entstehen, die oft noch etliche Kilometer im Landesinneren beobachtet werden kann. Solch eine ausgeprägte Gezeitenwelle, auch Bore (indisch “Flut”) genannt, kann Schiffen einige Kopfschmerzen bereiten, wird sie doch mancherorts bis zu neun Meter hoch mit Geschwindigkeiten bis zu 65 km/h.
Surfer hingegen werden von ihr magisch angezogen.
Auf dem Amazonas bildet sich in Niedrigwasserzeiten eine besonders beeindruckende Tidenwelle. Ihr lautes Grollen brachte ihr den indianischen Namen “Pororoca” ein. Ungebremst türmt sie sich bis zu 4 Meter in die Höhe und beschleunigt sich teilweise auf 65 Stundenkilometer. Dabei tritt sie auch über das Ufer und reisst alles mit, was ihr in die Quere kommt. Dennoch hat sie eher heilende als zerstörerische Kraft. Dank ihres geräuschvollen Auftretens bleibt Tieren und Menschen genügend Zeit, sich vom Ufer zu entfernen. Auf ihrem Weg nimmt sie Bodensedimente mit sich und sorgt so dafür, dass der Flußlauf nicht versandet. Und zurück lässt sie fruchtbaren Schlamm, nützlich sowohl für die heimische Flora als auch für die Menschen, die so ihre Anpflanzungen düngen können.
In Europa gibt es rund ein Dutzend Flüsse mit deutlicher Gezeitenwelle, vor allem in Großbritannien und Frankreich. Die Seine bot bis in die 1960er hinein eine besonders schöne Bore, dann jedoch wurde der Fluß durch bauliche Maßnahmen derart verändert, dass seine Welle für immer verschwand.
Die höchste Gezeitenwelle, der “Silberne Drache“, findet sich in China am Qiantang. Im September erreicht die Bore ihren Höhepunkt und türmt sich streckenweise bis zu 9m in die Höhe. Ein beeindruckendes Naturschauspiel!
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